© by
Rainer Stumpf
Warten im Schnee
In all den Jahren, die
Hannes Kroll jetzt den kleinen
Schulbus fuhr, hatte er keine Tour wegen Krankheit ver-
säumt. Er fuhr sicher und zuverlässig. Sein Hang zur Pünkt-
lichkeit grenzte an Pedanterie, und sein Fahrplan war minu-
tengenau.
Kein Wunder, daß Rudi
Luckner besorgt auf seine Uhr sah:
Hannes hätte schon seit fünf Minuten hier sein müssen!
Luckner brachte seinen siebenjährigen Sohn Benno im Winter
sicherheitshalber selbst zur Haltestelle an der Weggabelung.
Es hatte tagelang ohne Unterbrechung geschneit. Die Wege
und Straßen waren nur mit Mühe vom Schnee freizuhalten. Vom
Lucknerhof bis zur Doppeleiche, die mitten auf der Weggabe-
lung stand, waren es nur ein paar hundert Meter, aber Rudi
Luckner war erst beruhigt, wenn er den Jungen selbst in den
Schulbus einsteigen gesehen hatte. Im Hochgebirge waren
im Winter alle Wege gefährlich.
"Es kann sein, daß
bei der Kälte der Motor vom Schulbus
nicht gleich anspringt", meinte Luckner zu seinem Sohn.
"Vater, du kannst
ruhig schon nach Hause gehen, er wird
ja jeden Augenblick kommen." Benno schneuzte sich die Nase.
"Nee, nee, die paar
Minuten kann ich auch noch warten."
Luckner stampfte mit den Füßen. Er hatte versäumt, die
dicken Socken, die er sonst in den Stiefeln trug, anzuzie-
hen. Nun bekam er langsam kalte Füße. Gut, daß er wenig-
stens die Daunenjacke übergezogen und die Pelzmütze aufge-
setzt hatte. Der Vollbart schützte sein Gesicht etwas. Sein
Blick wanderte über den verschneiten Berghang und den Wald,
hinter dem sein Hof lag. Rauch aus mehreren Schornsteinen
kündete davon, daß dort Menschen lebten; eine Insel der
Wärme und Behaglichkeit in einer lebensfeindlichen Umwelt.
Hinter seinem Hof begann die Region der Almen und der hohen
Berge.
Ungeduldig stieß Luckner
die rechte Faust in die linke
Hand: "Weißt du was, Benno? Wir gehen dem Schulbus ein
Stück entgegen. Herr Kroll wohnt ja nur einen Kilometer von
hier. Vielleicht können wir ihm helfen. Auf jeden Fall kann
uns etwas Bewegung nicht schaden. Mir wird nämlich ganz
schön kalt." Er sah auf seinen Jungen hinunter, der einge-
packt wie ein Eskimo neben ihm stand.
Dann marschierten sie
los. Verfehlen konnten sie den
Kleinbus nicht, denn es gab nur einen Weg zu Krolls klei-
nem Anwesen. Der Schneepflug aus der Kleinstadt war schon
früh hier entlanggefahren, daher konnten die beiden jetzt
flott ausschreiten.
Die schmale Straße
führte um das Bermassiv herum und bog
in ein Seitental ein. Rudi Luckner stutzte: Dort, wo die
Brücke über den Gamsbach gewesen wäre, war alles weiß in
weiß. Keine Straße mehr, nur Schnee.
"Mein Gott ... eine
Lawine, Benno. Wir müssen etwas tun."
Luckner überlegte kurz. "Du läufst, so schnell du kannst,
zum Hof vom Alois Steiner. Berichte, was hier passiert ist.
Ich laufe nach Hause und hole Hilfe. Beeil dich, Benno!"
Luckner kam mit Sohn
Martin und Knecht Johann zurück;
der von Benno alarmierte Alois Steiner mit seinem Knecht
Lutz. Alle trugen lange Stangen - die Lawinensonden - und
Schaufeln auf den Schultern. Benno eingerechnet, waren sie
jetzt sechs Leute. Vorsichtig stießen sie ihre Lawinenson-
den in die festgepreßten Schneemassen. Sie entwickelten
eine planmäßige Geschäftigkeit. Der Bus schien aber nicht
auf der Straße zu stehen. Darum begannen sie einen Streifen
unterhalb der Straße zu sondieren.
"Leute ... hier ist
was!" Lutz - Steiners Knecht - stieß
seine Sonde erneut in den Schnee. Sie konnten deutlich se-
hen, daß er sie nicht bis auf den Erdboden stoßen konnte.
Das mußte der Bus sein. Sie begannen, eilig zu graben. Jede
Minute war jetzt kostbar. Es war der Bus. Alle Fenster wa-
ren eingedrückt. Auch das Innere war voll Schnee. Dann be-
kamen sie Hannes Kroll zu fassen. Vorsichtig zogen sie sei-
nen leblosen Körper aus dem Wrack.
"Lebt er
noch?" fragte der kleine Benno mit banger Stim-
me. Die Nähe des Todes bedrückte ihn.
"Ich weiß nicht
Benno ... ich glaube, ich kann ganz
schwach seinen Puls fühlen", sagte Rudi Luckner. Dann be-
gann er mit Wiederbelebungsversuchen. Schweigend umstanden
ihn die Männer. Sekunden wurden zur Ewigkeit. Krolls Augen-
lider zuckten, ein tiefer Atemzug hob seine Brust. Unendlich
langsam öffnete er seine Augen. Er sah verständnislos von
einem zum andern.
"Rudi ... was ist
... bin ich? ..." Kroll schloß ermat-
tet die Augen. Seine Gesichtszüge entspannten sich und drück-
ten so etwas wie Zufriedenheit aus.
"Wenn er nicht
immer so pünktlich gewesen wäre, hättet
ihr ihn wohl gar nicht vermißt, was Rudi?" fragte Alois
Steiner.
"Genau, Hannes`
Pünktlichkeit hat sich für ihn ausge-
zahlt; sie hat ihm das Leben gerettet", sagte Rudi Luckner.