(C) Rainer Stumpf
Der steinerne Pinguin
In der geschlossenen, psychiatrischen
Abteilung des Landes-
krankenhauses von Hollenfeld sah
Amtsrichter Clausen mit
verächtlichem Gesicht auf den vor ihm
sitzenden Alois Bender
hinunter. Richter Clausen war gerade mit
mehreren Einwei-
sungsbeschlüssen beschäftigt gewesen, als
Alois von einem
Krankenwagen der Feuerwehr eingeliefert
worden war. Der
Fahrer des Wagens stand mit gelangweiltem
Gesicht hinter
Alois, der zusammengesunken auf dem Stuhl
hockte, den der
behandelnde Arzt, Dr. Seifarth, ihm
zurechtgerückt hatte.
Dr. Seifarth schaute eher skeptisch aus;
er stand ebenfalls
hinter Alois Bender, dessen Krankenakte
unter den Arm ge-
klemmt.
"Sie können dann wieder losfahren", wandte sich der Rich-
ter an den Fahrer der Feuerwehr.
"Dieser Trunkenbold", er
deutete auf Alois, "bleibt vorläufig
hier."
Alois machte keinen vertrauenserweckenden Eindruck, und
sein Äußeres ließ zu wünschen übrig.
Seine Alkoholfahne
erfüllte den kleinen Raum, der mit einem
Garderobenständer
- an dem nur eine Hundeleine hing - ,
einem Tisch und zwei
Stühlen möbiliert war.
"Ich habe Herrn Bender schon kurz untersucht", sagte Dr.
Seifarth an den Amtsrichter gewandt.
"Er ist eindeutig Al-
koholiker. Wenn wir ihn jetzt wieder
gehenlassen, trinkt
er sich warscheinlich in den nächsten
Tagen zu Tode. Wir
müssen ihn vor sich selbst
schützen."
"Gut, also dann ergeht hiermit dieser Beschluß ..." Rich-
ter Clausen füllte mit geübter Hand ein
Formular aus. "Erst
mal zwei Wochen in Ihrer Abteilung."
Er reichte das Formu-
lar dem Arzt, der sich vorbeugte, um es
entgegenzunehmen.
Dann stand Richter Clausen auf, seinen
Stuhl mit den Knie-
kehlen zurückstoßend. "Bis später
dann, Dr. Seifarth." Er
reichte dem Arzt seine Hand. Im
Vorbeigehen strafte er den
völlig gebrochenen Alois noch mit einem
mißbilligenden
Blick, dann fiel die Tür hinter ihm zu.
Alois hob sein Gesicht etwas und schaute zum Fenster.
Das Licht stach ihm schmerzhaft in die
Augen, aber er hat-
te das Gitter gesehen. Der Arzt hatte
sich an dem einfachen
Holztisch niedergelassen und schrieb in
der Akte. Alois
überkam eine ungeheure Müdigkeit. Er war
nicht in der La-
ge, irgendetwas zu denken. Alle Gedanken
entglitten ihm
gleich wieder. Wellen von Schwindel
drohten, ihn zu über-
mannen, und er hatte Schwierigkeiten,
sich halbwegs auf dem
Stuhl zu halten. Unerträgliche Übelkeit
stieg in ihm hoch,
und Unruhe begann, sich in ihm
auszubreiten. Angst, für die
er im Augenblick noch keine Erklärung
hatte, griff in sei-
nem Innern nach ihm. Da war doch etwas
gewesen, vor ein paar
Stunden. Da war etwas passiert, was ihn
auf das Äußerste
beunruhigte. Diese schreckliche Angst
nahm immer mehr zu.
Aber so sehr er sich auch anstrengte, es gelang ihm nicht
zu ergründen, was da geschehen war. Den
Arzt mochte er auch
nicht fragen; der sah so beschäftigt aus.
Vielleicht könn-
te er im Augenblick auch gar nicht
sprechen. Zu sehr würg-
te ihn die Übelkeit.
"Sie wissen, warum Sie hier sind?" Dr. Seifarth klappte
die Akte zu, nahm die Brille ab und sah
ihm direkt ins Ge-
sicht. Unter dem prüfenden Blick des
Arztes kam sich Alois
nackt vor, demaskiert.
Alois nickte: "Alko ..." Die Übelkeit schnitt ihm das
Wort ab.
"Schlimmer mein Lieber ... schlimmer", sagte der Arzt.
"Ein kleines Mädchen ist durch Ihre
Fahrlässigkeit fast zu
Tode gekommen. Können Sie sich denn gar
nicht erinnern?"
Dr. Seifarth sah ihn wieder mit
durchdringendem Blick an.
Die wiederkehrende Erinnerung traf Alois wie eine eis-
kalte Messerklinge ins Herz. Er fühlte
sich taub und ge-
lähmt. Mein Gott, das war es. Er sah
plötzlich alles wie-
der vor sich: Den großen Pinguin aus
Granitstein; Sabine
- Bienchen nannte er sie - unter der
umgestürzten Skulp-
tur; ein hellblonder Zopf von ihr hatte
unter dem dunkel-
grauen Granit hervorgeschaut, und Bennie,
ihr Bruder, hatte
laut und anklagend aufgeschrien. Sollte
dieser steinerne
Pinguin eine Figur des Schicksals für ihn
werden?
Alois bestritt seit Jahren seinen Lebensunterhalt mit ge-
legentlicher Bildhauerei. Die
Nachbargemeinde hatte ihm den
Auftrag erteilt, eine zwei Meter große
Skulptur für den
Schulhof der Realschule zu machen. Es
sollte ein stilisier-
ter Pinguin werden. Und heute hatte Alois
betrunken auf
der Leiter gestanden, um noch letzte
Unebenheiten zu glät-
ten. Bienchen und Bennie hatten den Kopf
in den Nacken ge-
legt und ihm zugeschaut. Plötzlich war
ihm schwindelig ge-
worden, und er hatte sich an der Skulptur
festgehalten, die
dadurch aus dem Gleichgewicht geraten war
und zusammen mit
ihm und der Leiter umstürzte. Die
zentnerschwere Skulptur
war auf Bienchen gefallen. Als Alois
helfen wollte, war er
bewustlos geworden, und er war erst
wieder im Krankenwagen
zu sich gekommen, als dieser auf den Hof
des Landeskranken-
hauses eingebogen war.
Jetzt war ihm plötzlich zumute, als würde alles um ihn
zusammenstürzen und ihn zermalmen.
"Was ist mit Sabine? ... lebt sie, Herr Doktor?" Vor sei-
nen Augen begannen Funken zu tanzen.
"Ja, Gott sei Dank. Soviel ich weiß, hat sie viel Glück
gehabt. Sie ist jetzt wieder bei ihren
Eltern zu Hause.
Aber das ist nicht Ihr Verdienst, Herr
Bender. Es hätte
nämlich auch tödlich ausgehen können ...
das wissen Sie."
Dr. Seifarth stand auf und steckte Brille
und Füllfederhal-
ter in seine Kitteltasche.
"Herr Doktor ... ich ... ich weiß nicht weiter ... bitte,
helfen Sie mir." Alois Augen füllten
sich mit Tränen.
Dr. Seifarths Blick wurde milder, als er sagte: "Nun
bleiben Sie mal ganz ruhig. Sie werden
jetzt eine ganze
Reihe von sehr schweren Stunden
durchzustehen haben. Aber
wir helfen Ihnen dabei. Sie müssen sich
ab jetzt ganz vom
Alkohol lösen - für immer. Wenn Sie das
nicht schaffen,
sind Ihre Tage gezählt; ich will Ihnen da
nichts vormachen."
Er öffnete die Tür, um hinauszugehen,
wandte sich dann aber
noch einmal um: "Warten Sie hier
bitte ein paar Minuten, es
wird sich gleich ein Krankenpfleger um
Sie kümmern. Wir se-
hen uns dann morgen Vormittag wieder; ich
mache täglich Vi-
site."
Dann
war Alois allein in dem nüchtern ausgestatteten
Zimmer. Er hatte sich beim Hinausgehen
des Arztes mühsam
von seinem Stuhl erhoben und stand nun
schwankend und
leicht vornübergebeugt zwischen Stuhl und
Tisch. Sich umzu-
wenden wagte er nicht, aus Angst, das
Gleichgewicht zu ver-
lieren. Seit fünf Stunden hatte er keinen
Alkohol getrun-
ken, und sein Verlangen wurde
übermächtig, wurde zur Gier.
Es war Nacht geworden im Landeskrankenhaus Hollenfeld.
Alois lag in seinem Bett im Wachsaal und
versuchte krampf-
haft einzuschlafen. In dem Saal lagen
noch fünf weitere
Patienten, und entsprechend vielfältig
waren die Geräusche
und Gerüche. Direkt neben ihm, zu seiner
Linken, lag ein
Junge von vielleicht fünfzehn Jahren, der
alle seine Empfin-
dungen laut hinausschrie. Der Junge
durchlebte einen LSD-
Entzug, und der war entsetzlich. Sein
Gehirn war bereits
geschädigt, und seine Gedankengänge waren
verdreht. Er er-
zählte stockend und stammelnd, er habe
einen Igel im Bauch,
auf dessen Geburt er warte, und er hätte
sehr große Schmer-
zen. Dann warf er sich in seinem Bett hin
und her, krümmte
sich zusammen und jammerte und stöhnte.
Im Bett rechts neben Alois schlief ein spindeldürrer alter
Opa, der nun schon eine volle Stunde
schnarchte, und von dem
nicht zu erwarten war, daß er vor dem
Morgengrauen verstum-
men würde. Alle fünfzehn Minuten hörte
Alois den Glocken-
schlag einer Kirchturmuhr, und das
schnelle Verstreichen der
Nachtstunden machte ihn immer nervöser.
Warum konnte er
nicht einschlafen?
Seine
Gedanken gingen zehn Jahre zurück. Er war glücklich
verheiratet gewesen und hatte mit seiner
Lene im eigenen,
kleinen Holzhaus auf eigenem Grund und
Boden gewohnt. Alle
Kollegen - er war Busfahrer gewesen -
hatten ihn um das klei-
ne Anwesen am äußersten Rand der Stadt
beneidet. Dort hatte
er in Ruhe seinem Hobby, der Bildhauerei,
nachgehen können.
Lene hatte sich der Zucht kleiner Hunde
verschrieben. Mein
Gott, wie lieb hatte er Lene und ihre
Hunde gehabt! Die Hun-
de hatte Alois heute noch, aber Lene war
nach einer heimtük-
kischen Krankheit von ihm gegangen. Und
dann hatte er zu
trinken angefangen; immer mehr und immer
regelmäßiger.
Bei seinem Beruf als Busfahrer konnte das natürlich nicht
lange verborgen bleiben, und ehe
irgendein Unglück seinem
Trinken ein Ende setzen konnte, war er
entlassen worden. Von
da an hatte er nur noch die Hunde gehabt,
und getrunken hat-
te er immer mehr.
Wer kümmerte sich denn jetzt wohl um die Tiere? Das mußte
er morgen unbedingt klären. Die Sorgen
erdrückten ihn fast
und ließen ihn nur mühsam atmen.
"Ich muß abschalten, darf nichts mehr denken, sonst liege
ich die ganze Nacht wach", dachte
er. Hoffentlich hatte je-
mand von denen, die ihn abgeholt hatten,
daran gedacht, sein
Haus zu verschließen. Was wohl die Kinder
jetzt von ihm
dachten? Wieder drangen die Erinnerungen
auf ihn ein.
Die vielen niedlichen, kleinen Hunde hatten dazu beigetra-
gen, daß sich die Kinder der ganzen
Umgebung für ihn und
seine Arbeit zu interessieren begannen.
Einige waren gekom-
men, um mit den Hunden zu spielen und sie
zu versorgen, und
das war ihm nur recht gewesen. Dadurch
hatte er mehr Zeit
für die Bildhauerei gehabt. Viele Kinder
waren auch gekom-
men, um ihm bei seiner künstlerischen
Arbeit zuzusehen, und
Alois hatte ihnen Geschichten erzählt:
abenteuerliche und
phantastische, spannende und
märchenhafte, je nachdem, wie
ihm gerade zumute gewesen war. Die Kinder
waren mehr und
mehr gefesselt worden, von seiner Arbeit
und von seinen Ge-
schichten, und sie hatten angefangen, ihn
zu lieben. Sie
hatten ihn Ali genannt und du zu ihm
gesagt. Luis wäre lo-
gischer gewesen, aber sie hatten den
Namen Ali netter gefun-
den, und er hatte es gern gehört.
Jetzt war bestimmt alles vorbei. Sie würden ihn sicher
verachten. Wie wohl Bienchen nun über ihn
dachte? Ob sie
wohl schlimme Schmerzen durch ihn zu
erdulden gehabt hatte?
Wenn er doch nur Einiges rückgängig
machen könnte!
Aus dem Dienstzimmer kam der Pfleger des Nachtdienstes in
den Wachsaal, um nach den Patienten zu
sehen. Die Deckenbe-
leuchtung schaltete er nicht ein, das
schummerige Nachtlicht
reichte ihm.
"Warum schlafen Sie nicht? ... Sie sind Herr Bender, nicht
wahr? ... Mein Name ist Baumann."
Der Pfleger sah ihn auf-
merksam und interessiert an.
"Ich kann nicht einschlafen. Hier ist alles so unruhig,
und ich zittere auch so furchtbar."
"Ja, das sehe ich. Ich werde Ihnen eine Spritze geben,
dann geht es Ihnen besser, und Sie werden
dann auch schlafen
können. Machen Sie schon mal das Gesäß
frei und legen sich
auf den Bauch, ich komme gleich
wieder." Baumann ging hinaus.
Den Einstich spürte Alois kaum. "So, Herr Bender, Sie wer-
den gleich ganz ruhig, und dann werden
Sie auch einschlafen.
Ganz so spät ist es ja noch nicht, da
bleiben Ihnen noch ei-
nige Nachtstunden. - Gute Nacht."
"Gute Nacht - und danke schön." Alois drehte sich auf die
Seite.
Jetzt begann auch der Dicke, in dem Bett hinter dem dür-
ren Opa, zu schnarchen. Er schnaufte laut
zwischen den ein-
zelnen Schnarchlauten, was noch störender
war. Wenn nur die
Spritze bald wirkte. Etwas ruhiger war er
schon geworden. Er
hielt die Augen bewußt fest geschlossen.
In der Ferne sah er
ein winziges, sehr helles, blaues Licht
vor samtschwarzem
Hintergrund. Das blaue Licht kam immer
näher, wurde immer
größer, verlor dabei aber an Leuchtkraft,
und als es sein
ganzes Blickfeld ausfüllte, war sein
Leuchten nur noch blaß;
Alois war eingeschlafen.
"Möchten Sie Milchsuppe?"
Alois zuckte zusammen. Mühsam versuchte er, die Augen zu
öffnen; die Lider schienen ihm nicht
recht zu gehorchen. Er
nahm die Finger zu Hilfe und rieb sich
die Augen, bis es
fast schmerzte und er feurige Ringe und
Funken sah. Am Fuß-
ende seines Bettes sah er schemenhaft ein
freundliches Jung-
mädchengesicht; eine Schwesternschülerin.
"Frühstück, Herr Bender ... möchten Sie eine Milchsuppe
vorweg?"
"Ja ... gern ... danke schön", sagte Alois mit belegter
Stimme und räusperte sich. Ganz langsam
fand er in die Wirk-
lichkeit zurück. Gestern Abend hatte er
nichts essen können;
er hatte hier noch gar nichts gegessen.
Vielleicht würde er
die Milchsuppe hinunterbekommen. An Brot
oder Brötchen moch-
te er nicht einmal denken. Wenn nur
dieses Zittern nicht wä-
re, der Löffel klapperte am Tellerrand
und war schon halb-
leer, wenn er ihn vor dem Mund hatte. Das
war ihm peinlich,
und er schaute verstohlen nach allen
Seiten, ob ihn jemand
beobachtete. Sie saßen an einem langen,
schmalen Tisch mit-
ten im Wachsaal; er, der Junge, der dürre
Opa - der vernehm-
lich schlürfte - , der Dicke und die
anderen, aber keiner
achtete auf ihn. Er schaffte sogar noch
eine Scheibe Brot
und zwei Tassen Malzkaffee; die erste
vernünftige, kleine
Mahlzeit seit Tagen, und sie tat ihm gut.
Bettenmachen, Arztvisite, Mittagessen, Mittagsruhe ...
Tagesroutine. Er würde das schon
überstehen, es war ja nicht
für immer, und er wußte, wem er das alles
zu verdanken hat-
te: dem Alkohol. Den würde er für immer
aus seinem Leben ver-
bannen.
"Herr Bender! ... Besuch für Sie." Die Schwesternschülerin
schaute um die Ecke. "Im
Besuchszimmer ... Ziehen Sie sich
Ihren Bademantel über? - Kommen Sie, ich
zeige es Ihnen."
Fürsorglich führte sie ihn, ihre linke
Hand an seinem rech-
ten Ellenbogen. Alois versuchte,
elastisch zu gehen und
nicht zu schlurfen. Das gelang ihm aber
nicht, er war doch
ziemlich hilfsbedürftig. Wer war denn
wohl der Besuch? Ihm
fielen nur die Kinder ein. Aber die waren
es ganz sicher
nicht, die konnten ihn doch nicht mehr
mögen, nachdem was
passiert war; durch seine Schuld.
Die
Schwesternschülerin öffnete die Tür, und da stand
Bienchen in ihrem bunten Sommerkleidchen,
einen kleinen Blu-
menstrauß in beiden Händen.
"Ali ... nicht weinen, freu dich doch! Es ist ja nichts
passiert. Meine Eltern haben gesagt, daß
es sehr schwer für
dich wird, wieder gesund zu werden ...
aber wir wollen dir
dabei helfen ... wir alle." Sie sah
sich um und deutete in
die Runde.
Und da stand - allen voran - Bennie, mit Micky, dem Lieb-
lingswelpen von Alois. Und hinter Bennie
standen die ande-
ren; alle! Und jeder hatte einen kleinen
Hund von ihm auf
dem Arm.
"Ali, wir haben heute morgen die Schule angerufen, und
die haben eben den Pinguin abgeholt. Die
fanden ihn ganz
toll." Bennie schaute ihn fragend
an. "War das richtig?"
"Und ob ... Kinder, ich weiß gar nicht ...", die Rührung
ließ seine Stimme versagen. "Ich
werde gesund Kinder, ganz
bestimmt ... für euch."