© by Rainer Stumpf

 

Der schwarze Maat

 

  "Jens, zeig deinem Bruder doch mal die Kate vom schwar-

zen Maat", rief Frau Bahrs ihren beiden Söhnen nach, die

eine Wanderung durch die Butenhörner Dünenwelt machen woll-

ten.

  "Klar Mutter, darum ist Reinhard doch dieses Wochenende

hier." Jens schüttelte den Kopf. Sein Bruder Reinhard war

Lokalredakteur bei der kleinen Kreiszeitung in Hochdeich.

Dort besuchte Jens auch die Realschule, lebte aber noch

auf dem elterlichen Hof in Butenhörn.

  Reinhard war neugierig geworden, als Jens einmal ganz

beiläufig einen geheimnisvollen Eremiten erwähnt hatte,

der in den Dünen in einer uralten Kate hauste. Nun wollte

er etwas über die Sache schreiben.

  "Weiß denn keiner, wie er heißt, und wo er herkommt?"

fragte Reinhard.

  "Nee, Genaues wissen wir alle nicht über ihn. Vor unge-

fähr drei Monaten ist er hier ganz plötzlich aufgetaucht

und hat sich in der verlassenen alten Kate in den Dünen

einquartiert", sagte Jens achselzuckend.

  Die beiden hatten unterdessen den Weg zur Kate einge-

schlagen. Das Dorf lag hinter ihnen, und sie kamen in die

ersten, noch recht flachen Dünen. Die Sonne war nur zu ah-

nen. Von See wehte ein kalter Wind. Der Sommer war wohl

vorbei.

  "Warum nennt ihr ihn denn den schwarzen Maat?"

  "Ach, das hat sich so ergeben", meinte Jens. "Alle Sa-

chen, die er trägt, sind schwarz oder dunkel. Und als Kopf-

bedeckung trägt er eine dunkle Schiffermütze. Aber ich

glaube, den Namen gaben wir ihm darum, weil sein ganzes

Gehabe irgendwie düster und undurchsichtig ist. Du wirst

ja selbst sehen."

  "Was sagt denn der Eigentümer der Kate dazu?"

  "Die Besitzverhältnisse sind so verworren, daß keiner

so recht weiß, wem sie gehört", sagte Jens. "Außerdem ist

sie kaum noch was wert."

  "Hat er hier denn schon mal was angestellt?" fragte Rein-

hard.

  "Kein Stück." Jens knöpfte fröstelnd seine Windjacke zu.

"Aber die Kinder haben Angst vor ihm, und die Eltern haben

ihnen verboten, in der Nähe der alten Kate zu spielen."

  Plötzlich sahen sie ihn. Hoch auf einem Dünenkamm. Er

schaute in Richtung See und kehrte ihnen den Rücken zu.

Gegen die tief am Himmel dahinjagenden Wolken sah seine

Silhouette wie eine unheilbringende Skulptur aus. Die

Schöße seines schwarzen, knöchellangen Mantels flatterten

hinter ihm im Seewind. In der rechten Hand hielt er einen

derben Knotenstock und in der Linken ein Bündel.

  "Allmächtiger!" Jens blieb unwillkürlich stehen. "Der

Satan in Menschengestalt."

  "Nun mach dir nicht gleich in die Hose. Mal sehen, was

er jetzt vorhat."

  Aber plötzlich war der schwarze Maat verschwunden. Er

war ein paar Schritte abwärts gegangen, und damit außer

Sicht. Als Reinhard und Jens den Platz erreichten, an dem

er vorher gestanden hatte, war von ihm nichts mehr zu se-

hen. Vor ihnen lag der von einer wütenden Brandung über-

spülte Strand.

  "Siehst du, das ist das Unheimliche an ihm. Er taucht auf

und verschwindet wieder, wie es ihm beliebt", sagte Jens.

"Laß uns jetzt mal zur Kate gehen."

  Nun wurde der Weg beschwerlich. Dünen rauf, Dünen runter.

Dann - von der letzten Düne - sahen sie die Kate unter sich

liegen; eine kleine Hütte, aus Felssteinen erbaut, das Dach

mit Reet gedeckt. Sie konnten gerade noch sehen, wie der

schwarze Maat die Tür hinter sich zuschlug.

  "Verdammt, ich hätte gern ein paar Worte mit ihm gespro-

chen", meinte Reinhard. "Aber der scheint ja wirklich ziem-

lich scheu zu sein."

  "Das kann ich dir flüstern", erwiderte Jens. "Scheu ist

gar kein Ausdruck. Aus dem Dorf hat noch keiner ein Wort

mit ihm gewechselt."

  "Komm, wir pirschen uns mal ran. Vielleicht kann man

durch irgendeine Ritze nach drinnen gucken."

  "Mensch, Reinhard, sei bloß vorsichtig. Wenn der was

merkt ..."

  "Was denn, wir tun doch nichts Verbotenes. Neugierde ist

nicht strafbar ... ah, da kann ich durchschauen ... mal

sehen ..."

  "Was siehst du denn?" Jens trat von einem Fuß auf den

anderen.

  "Das gibt`s doch nicht", flüsterte Reinhard. "Wer hätte

das gedacht ... sieh mal selbst." Er trat zur Seite.

  Jetzt schaute Jens durch den Spalt zwischen Fenster-

rahmen und Mauerwerk.

  Der schwarze Maat hockte am Boden, umgeben von einer

Schar Seevögel, die alle irgendwie krank wirkten. über-

all standen kleine Trinkgefäße und Schüsselchen mit Kör-

nern herum. Er war gerade dabei, das mitgebrachte Bündel

auszupacken. Heraus kam eine Möve, die sich nur noch matt

bewegte. Mit unendlicher Sorgfalt behandelte er den kranken

Vogel. Sein Gesicht war Güte und die Augen leuchteten.

  Ein nachdenklicher Jens und ein sehr schweigsamer Rein-

hard gingen langsam den Weg ins Dorf zurück.