© by Rainer Stumpf
Der letzte Auftrag
Er hatte sich eine
Zigarette angezündet und sah dem Zug
nach, der gerade die Bahnhofshalle verlassen hatte und nun
in die Nacht hineinfuhr. Die Weichen waren gestellt; jetzt
war nichts mehr rückgängig zu machen. Die roten Schlußlich-
ter verschwanden hinter einer Biegung. Der Bahnsteig war
jetzt menschenleer, und der kalte Nachtwind ließ ihn frös-
teln. Kranz drehte sich langsam um und ging auf den Aus-
gang zu. Seine Schritte klangen durch die leere Bahnhofs-
halle.
Draußen stieg er in sein
Auto, mit dem er den Chef zum
Bahnhof gefahren hatte. Im Wagen hing noch kalter Zigarren-
rauch. Kolovec rauchte nur Zigarren. Angeekelt öffnete
Kranz ein Seitenfenster und startete den Motor. Er tastete
nach dem Geldbündel in der Innentasche seines dunkelgrauen
Trenchcoats. Den Auftrag, für den er das Geld als Anzahlung
erhalten hatte, würde er niemals ausführen. Er würde aus-
steigen.
Kolovec, der Chef des
Agentenrings, stieg in Passau
schwerfällig aus dem Zug. Bei seinem Gewicht hatte er mit
Stufen immer erhebliche Probleme. Im Gang vor den Abteilen
hatte er sogar den Bauch einziehen müssen. Nein, er war
kein schöner Mann, der Kolovec. Dafür sorgte schon sein
feistes Gesicht mit der breiten Nase und dem Doppelkinn.
Auf dem Bahnhofsvorplatz winkte er herrisch nach einem Taxi.
Er hatte Glück; ein Wagen hielt. Viel Gepäck hatte er
nicht. In der linken Hand trug er einen weichledernen,
weinroten Aktenkoffer mit Messingbeschlägen. Er stieg in
das Taxi und ließ sich zum Flugplatz fahren.
Auf dem Vorfeld stand
eine zweistrahlige Geschäftsma-
schine; dorthin dirigierte er den Fahrer. Nachdem er die
Fahrt bezahlt hatte, ging er auf die Antonow zu. Die ele-
gante Form des Jets imponierte ihm immer wieder.
Karel, der Pilot der
Organisation, erwartete ihn: "Alles
klar. Wir können sofort starten. Hat er Ärger gemacht?"
"Nein ... hab ich
auch nicht erwartet."
"Ich hab ihm noch
nie übern Weg getraut. Eines Tages
kippt er um", meinte Karel.
"Dazu hat er keine
Gelegenheit mehr. Nach diesem Auftrag
wird er erledigt." Ein geringschätziges Lächeln überflog
Kolovecs breites Gesicht.
"Das wußte ich
nicht ... dann ist ja alles klar", sagte
Karel und lachte. Er hatte ein Lachen, daß irgendwie an
Krämpfe erinnerte.
Die beiden stiegen in
das Flugzeug, und Karel begann mit
den Startvorbereitungen. Kolovec verstaute seinen Aktenkof-
fer und ließ sich im Sitz des Co-Piloten nieder. Hier vorn
hatte man die beste Aussicht. Außerdem haßte er es, nicht
sehen zu können, was auf ihn zukam.
Die Antonow startete in
die aufgehende Sonne hinein. Sie
bot ein bestechendes Bild anmutiger, kraftvoller Technik.
Von dem fauchenden Grollen ihrer Triebwerke war im Cockpit
nur ein feines, stählernes Singen wahrzunehmen.
Kranz lief - drei Stufen
auf einmal nehmend - im Trep-
penhaus nach oben. Körperlich war er in bester Verfassung;
schlank und durchtrainiert. Er atmete immer noch ruhig, als
er die Etagentür seiner Wohnung öffnete und Licht machte.
Vorsichtig trat er in den Korridor; aus dem Wohnzimmer
drang Musik. Jutta kam ihm entgegen. Mit ihrer fast kind-
lichen Grazie sah sie bezaubernd aus. Sie umarmte ihn.
"Richard ...
Liebling ... hast du es gemacht? Hoffent-
lich merkt er nichts."
"Wenn er es merkt,
kann ich mich selbst erschießen. Wir
können jetzt nur warten."
Sie tranken etwas und
lauschten der Musik aus dem Radio.
Langsam ging die Nacht zu Ende. Sie konnten keine Unterhal-
tung in Gang halten. Zu sehr waren sie in ihre Gedanken und
Ängste vertieft.
Ein strahlend schöner
Morgen zog herauf. Das Radio
brachte die Frühnachrichten: "In der Nähe von Haidmühle ist
heute morgen ein tschechisches, zweimotoriges Privatflug-
zeug abgestürzt. Die beiden Insassen - zwei Männer - kamen
ums Leben. Ein Bundesgrenzschutz-Beamter berichtete, dem
Absturz sei eine schwere Explosion vorausgegangen."
Jutta und Richard sahen
sich an. Die Nervenanspannung
wich der Erschöpfung.
Kranz lächelte matt, als
sein Blick auf den Aktenkoffer
neben seinem Schreibtisch fiel. Es war ein weichlederner,
weinroter Aktenkoffer mit Messingbeschlägen. Er enthielt
alle Unterlagen über seine Agententätigkeit in der Organi-
sation.
Richard Kranz ging zum
Telefon und wählte eine Nummer.
"Bitte verbinden
Sie mich mit Oberst von Stülpnagel ...
ja, sagen Sie ihm, ein Ost-Agent will aussteigen ... ganz
recht ... ja. Ja, ich warte."
Kranz sah Jutta an,
legte die Hand auf die Sprechmuschel
und sagte: "Willst du wirklich auf mich warten?"